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Das Heilpotential der Tiere nutzen
Mit Pferden heilen
(Erschienen im Internetmagazin PRISMA Ausgabe 31 )
Psychotherapie in und mit der Natur gibt es seit vielen Jahren: Visionssuche in der Wüste, Schwimmen mit Delphinen, Meditation am Stromboli, Hippotherapie für
geistig und körperlich behinderte Menschen, um nur einige Beispiele zu nennen. Von „seriösen“ Therapeuten wird sie häufig belächelt und mit Urlaub in Verbindung gebracht. Leonhard Oesterle erklärt, warum das
Heilpotenzial der Natur so groß ist und wie der Umgang mit Pferden therapeutisch wirken kann.
Psychotherapie findet in der Regel in einem geschlossenen Raum statt. Therapeut und Klient sitzen sich gegenüber.
Für viele Fragestellungen ist das gut und ausreichend. Doch wesentliche Bereiche bleiben dabei außen vor, und es entsteht manchmal eine künstliche, abgehobene Situation. Etliche Menschen, die ich für einige Zeit
psychotherapeutisch begleiten durfte, erzählten mir, dass sie sich entwurzelt fühlten, ohne Boden unter den Füßen, dass ihnen Maßstäbe und Kriterien fehlten für das, was ihrem Leben Sinn geben könnte.
Vor
allem bei Menschen mit depressiver Symptomatik habe ich häufig beobachtet, dass sich eine deutliche Besserung ergab, sobald sie Aktivitäten in der Natur unternahmen, zum Beispiel sich ein Pferd kauften und zu reiten
begannen, regelmäßig zu laufen begannen, einen Garten anbauten oder von der Stadt aufs Land umzogen.
Depression geht meist einher mit Beeinträchtigungen der Selbstwahrnehmung, körperlich wie auch
gefühlsmäßig. Eine differenzierte Selbstwahrnehmung ist aber eine wichtige Voraussetzung, um Lösungen für Lebensfragen zu finden. Wenn ich nicht spüre, dass mir die Schuhe zu eng geworden sind, werde ich mir auch
keine anderen anziehen, mit denen ich besser laufen kann.
Durch den Kontakt mit natürlichen, außermenschlichen Erfahrungsquellen wie die Begegnung mit Tieren, den intensiven, aktiven Aufenthalt in einer
außergewöhnlichen oder ungewohnten Landschaft, verbunden mit neuen Tätigkeiten und Bewegungen, werden die gewohnten Muster erweitert, die Wahrnehmung geschult und das Wachstum angeregt.
Ob nun Tiere oder
andere Naturerfahrungen ins Spiel gebracht werden, aus der Behandlungsdyade wird immer eine Behandlungstriade. Der Therapeut tritt einen Schritt zurück und macht einem weiteren Spiegel Platz. So hat es der Klient
leichter, sich selbst zu erkennen und zu heilen.
Cotherapeut Tier
Auch im Alltag spielen Tiere eine große Rolle für die seelische Gesundheit. Wie würde sich unser soziales Leben verändern, wenn es die vielen Hunde, Katzen,
Vögel, Hamster oder Meerschweinchen nicht gäbe? Auf all diese tierischen Mitbewohner werden eigene Persönlichkeitsanteile projiziert, welche diese geduldig tragen und dadurch die menschliche Gemeinschaft entlasten.
So trägt der Hund die unbewusste Aggression seines Herrchens, wenn er zum hundertsten Mal den Mountainbiker verbellt. Sein Herrchen wird im Brustton der Überzeugung zu dem verschreckten Radler sagen: „Das
hat er noch nie gemacht.“ Gäbe es den Hund nicht, dann würde das Herrchen den Radfahrer „anbellen“, und noch mehr Streitereien und Auseinandersetzungen wären die Folge.
Diese unbewussten Projektionen können
im therapeutischen Prozess bewusst gemacht werden und geben Hinweise auf eigene Schwächen, verborgene Fähigkeiten, geheime Sehnsüchte, Wünsche und Gefühle.
Symboltier Pferd
Schon in der Zeit des Rittertums hatte das Pferd eine große Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit. Der rechte Umgang mit einem Pferd konnte den
Charakter eines Menschen veredeln – er wurde von einem gewöhnlichen Reiter zu einem Ritter. Dieser hatte gelernt, seine Emotionen und Begierden „im Zaum zu halten“, er war nicht mehr „zügellos“, ein Mensch also, dem
nicht mehr „der Gaul durchging“, der in der Lage war „aus dem Stegreif (Steigbügel)“ Gedichte zu rezitieren, der taktvoll war, der seinen Zorn beherrschte. So einen Mann nennt man Kavalier. Kavalier kommt von
Chevalier. Es bedeutet „Pferdemann“.
Nach dem allmählichen Verschwinden aus der Landwirtschaft und als Verkehrsmittel hat sich das Pferd seine vormals überragende Bedeutung für den Menschen in den letzten
Jahren zurückerobert. Inoffizielle Schätzungen sprechen von fast 2.000.000 Pferden in Deutschland.
Das Heilpotenzial der Pferde
Das Pferd ist seit Urzeiten Symbolträger. Symbole erleichtern das Spüren, Fühlen und Erkennen des Nichtbewussten. Das Pferd öffnet somit den Weg zu unseren tiefen
Persönlichkeitsschichten. Es fördert auf einzigartige Weise den physischen und psychischen Gesundungsprozess beim Menschen.
Im Laufe ihrer Entwicklung sind Pferde zu Experten geworden im Erkennen des
Unterschiedes zwischen Sein und Schein. Sie prüfen einander in der Herde ständig auf Vertrauenswürdigkeit, auf Rang, auf Authentizität. Sie lehren uns Menschen, ehrlich und geduldig wahrzunehmen, wer wir sind, wo
unsere Stärken liegen und wo wir uns weiterentwickeln können. Durch das Miteinander im therapeutischen Kontakt mit Pferden lernen wir, mehr zu spüren: Gefühle, Körper, Wünsche und Gedanken.
Pferde
kommunizieren in erster Linie mittels Körpersprache. Das ist auch die ursprüngliche Kommunikation beim Menschen (zwischen Mutter und Säugling). Das Kennenlernen der Körpersprache der Pferde und ihrer klaren und
eindeutigen Kommunikation macht es leicht, die eigene Kommunikationsfähigkeit wahrzunehmen und wirkungsvoller zu gestalten.
Krankheit entsteht als Warnsignal des Körpers, wenn unser Denken, Fühlen und Handeln
auseinanderklafft. Durch die authentischen und wertfreien Reaktionen des Pferdes auf unsere Handlungen gelingt es, die Wirksamkeit unseres Denkens, Fühlens und Handelns wahrzunehmen und zu harmonisieren und wieder
in Einklang zu bringen. Somit kann das Pferd im therapeutischen Kontakt uns helfen, wieder gesund und heil zu werden.
Mensch- & Pferde-Arbeit
Seit 14 Jahren habe ich die Mensch&Pferde-Arbeit in die Psychotherapie integriert. Diese findet in einem Picadero (umzäuntes Viereck von 10 x 10m) statt.
Ersatzweise ist auch ein gleich großer Roundpen gut geeignet. Hier treffen sich der Klient und das ungesattelte und ungezäumte Pferd unter Anleitung eines Therapeuten. Dieser stellt dem Klienten verschiedene
Aufgaben. Aus der daraus entstehenden Interaktion und Kommunikation zwischen Mensch und Pferd ergeben sich tiefe Empfindungen, Gefühle und Einsichten. Diese werden mit dem Therapeuten besprochen, anschließend wird
der Transfer in den Alltag erarbeitet.
Ein Beispiel dafür ist das Erfahren des vitalen Kreises: Jeder Mensch wie auch jedes Pferd braucht einen gewissen Raum um sich – ein privater Bereich, der notwendig ist,
um sich wohl zu fühlen. Wenn wir uns dieses vitalen Kreises nicht bewusst sind und jemand in diesen Raum eindringt, fühlen wir uns gestört, empfinden zu viel Nähe, reagieren mit Gereiztheit und übertriebener
Aggression. Durch den Kontakt mit dem Pferd lernen wir, unseren vitalen Kreis bewusster wahrzunehmen, angenehme Kontakte einzuladen und uns Eindringlinge vom Leib zu halten.
Die Mensch & Pferde-Arbeit
beinhaltet vorbereitende und ergänzende Körper- und Wahrnehmungsübungen. Ergänzt und gefördert werden diese Prozesse durch Übungseinheiten aus dem indianischen Reiten. Diese tragen ebenfalls dazu bei, Körper und
Geist wieder in Einklang zu bringen. Vorkenntnisse mit Pferden sind nicht erforderlich.
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